JTI TRIER JAZZ AWARD 2018 | Nachricten | Ferenc Snétberger
JTI TRIER JAZZ AWARD 2018

Laudatio bei der Verleihung des JTI Trier Jazz Award an Ferenc Snétberger von Ralf Dombrowski

Trier, Mosel Musik Festival,  02.08.2018

 

JTI TRIER JAZZ AWARD 2018 - JTI TRIER JAZZ AWARD © Ralf Donbrowksi

JTI TRIER JAZZ AWARD © Ralf Donbrowksi

Meine Damen und Herren,

ich schaue anderen gerne auf die Finger. Das ist einerseits mein Beruf, aber auch ein besonderes Vergnügen. Denn die menschliche Hand ist ein ebenso rätselhaftes wie sagenhaftes Organ. Sie ist das Medium zwischen Wille, Vorstellung und Wirklichkeit, das bei Musikern aus einer Idee einen individuellen Klang werden lässt, ein Kunstwerk, ein Statement, manchmal auch einen Scherz, vielleicht sogar ein denkwürdiges Ereignis. Sie ist ein solches Wunderwerk der Natur, dass sie die feinsten Differenzierungen umsetzen, aber ebenso machtvoll zugreifen kann, je nach Wunsch und Augenblick. Als ich Ferenc Snetberger zum ersten Mal auf die Finger geblickt habe, war ich sehr erstaunt. Denn ich kannte seine Musik vorher von Platte, von Aufnahmen für das Münchner Label Enja, die ihn als einen Souverän der feinen, ausgewogenen Töne präsentierten, wie beispielsweise beim Mitschnitt einer Solokonzertes, das er 1995 in Budapest gegeben hatte. Als ich Ferenc dann live auf der Bühne erlebte, fiel mir auf, wie groß seine Hände wirkten. Und wir subtil sie gleichzeitig agieren konnten, als Werkzeuge eines ästhetischen Kosmos, der der Gitarre eine Unmittelbarkeit und Verbindlichkeit abtrotzte, die weit über den Feingeist hinausreichte, der das akustische Instrument als ein wenig ätherischen Spätentwickler des Konzertbetriebs damals üblicherweise umgab. Diese besondere Intensität hing wohl mit seiner Biographie zusammen. Denn Snetberger hatte lange um die Gitarre kämpfen müssen. Als jüngstes von sieben Kindern 1957 in Nordungarn geboren, musste er mit seinen Geschwistern um das Instrument konkurrieren, das sein Vater unterrichtete. Oft zog er den Kürzeren, war aber hartnäckig, denn er wollte am liebsten rund um die Uhr spielen. Und so schaffte er es in sozialistischen Tagen auf das noch junge Jazzkonservatorium Béla Bartók in Budapest und machte sich mit der weiten Welt der akustischen Gitarre bekannt. Die eigene musikalische Herkunft war ihm wichtig, aber es gab auch andere faszinierende Stilformen, die er mit Nylonsaiten erforschen konnte, Klassik natürlich, Flamenco, vor allem aber Brasilien, das von Villa-Lobos bis Baden Powell eine betörend vielseitige Ausdruckspalette zu bieten hatte. Snetberger beschäftigte sich ausführlich mit diesen Klängen, suchte sich bald auch Partner, mit denen er die eigenen musikalischen Idee umsetzen konnte. Wichtig wurde zunächst das Trio Stendhal mit dem Saxofonisten Laszlo Des und dem Percussionisten Kornel Horvath, das im Ungarn der späten Achtziger musikalisch Aufsehen erregte. In jenen Jahren aber entschloss er sich auch zu einem folgenreichen Schritt und wählte Berlin als eine zweite Dependance. Denn von der zunächst noch geteilten Stadt, die aber sich schnell nach allen Seiten öffnen sollte, konnten er und seine Frau Angela die Karriere weitaus konsequenter vorantreiben als im damals noch sehr autoreferentiellen Ostblock. Zunächst erschienen Alben mit seinem Trio Stendhal, dann aber kam der Kontakt mir der Plattenfirma Enja zustande, deren begeisterungsfähiger Chef sich nicht davon beeindrucken ließ, dass die Aufnahme eines Solo-Akustik-Konzerts womöglich etwas speziell sein könnte. Er behielt übrigens Recht mit seinem Enthusiasmus, denn das „Budapest Concert“ aus dem Jahr 1995 wurde international gefeiert und sorgte dafür, dass Snetbergers Künstlerlaufbahn mit Ende Dreißig endlich Fahrt aufnahm. Und er hatte noch viel vor. Im selben Jahr bereits komponierte er ein Konzert für Gitarre und Orchester mit dem Titel „In Memory For My People“ anlässlich des 50.Jahrestages des Endes des Holocaust, ein empathisches Ensemblewerk, dass er seinem Volk widmete und unter anderem 2007 in New York bei den Vereinten Nationen anlässlich des Holocaust-Gedenktages aufführte. Er wollte aber auch seine Jazzseite weiter entwickeln und da wurde die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Markus Stockhausen, übrigens dem letztjährigen JTI Trier Jazz Award Preisträger, zu einem der zentralen künstlerischen Projekte der Folgejahre. Er gründete ein neues Trio, diesmal mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen und dem italienischen Schlagzeuger Paolo Vinaccia, war viel unterwegs und ließ ein neues Projekt in sich wachsen, das 2011 Gestalt annahm. Denn da gründete er in Felsöörs am Nordufer des Plattensees eine Musikschule, eigentlich ein Musikinternat, idyllisch in einem Tal gelegen, weit weg von womöglich gestörten Nachbarn, denen Musik rund um die Uhr aufstoßen könnte. Das Besondere: Dieses Snetberger Music Talent Center richtet sich vor allem an Schüler, deren Eltern die Ausbildung nicht bezahlen können, an Kinder aus Roma- und Sinti-Familien etwa, die von der Schulbildung nicht selten und aus unterschiedlichen Gründen abgeschnitten sind. 60 Schüler leben dort für jeweils vier Jahre, 15 Lehrer unterrichten sie musikalisch umfassend und inhaltlich auch darüber hinaus, ein Angebot, das so überzeugt, dass es sogar von der Minderheiten gegenüber sonst wenig aufgeschlossenen ungarischen Regierung unterstützt wird. Für Snetberger ist das eine Herzensangelegenheit, denn er weiß, wie schwer es ist, sich als Musiker mit Gypsy-Wurzeln im großen Geschäft durchzuschlagen. Seine Schüler sollen es mal leichter haben, und die Schule ist ein wichtiger Beitrag dazu. Und sie beansprucht viel Zeit, weshalb man zu Beginn dieses Jahrzehnts zunächst wenig neue Musik aus seiner Feder hören könnte. Inzwischen aber kann er sich wieder gezielt der eigenen Weiterentwicklung widmen. Als Multiplikator hilft ihm seit drei Alben das Label ECM dabei, eine bewährte Adresse für exquisiten Klang. Das passt zu einem Ferenc Snetberger, der seiner Gitarre noch immer mit selbstkritischen Ohren und neugierigen Geist begegnet. Die Finger sind längst noch um ein Vielfaches agiler als früher, seine Klangwelten noch umfassender in ihrem Vermögen, die Schönheit und Tiefe von Musik zu erforschen. Und die integrative Opulenz, die in ihr steckt. Seit er als Kind ihre Kraft erlebte und zu verstehen begann, sie für sich und seine Zuhörer zu entfesseln, hat ihn diese Leidenschaft nicht mehr verlassen. So wurde Ferenc Snétberger zu einem der profundesten Musiker, den die europäische Musikwelt kennt. Und ich freue mich, wie man in Bayern sagt, sakrisch, dass er heute hier an diesem wunderbaren Ort der JTI Trier Jazz Award verliehen bekommt. Gratulation, lieber Ferenc!